Große Rotation an den Märkten: Wo fließt das Geld hin?
Die Technologieriesen waren lange Zeit die Zugpferde der Börsen, heuer zählen sie zu den schwächsten Titeln. Doch wo fließt das Geld jetzt hin?

09.02.2026 um 11:40 von Beate Lammer Die Presse auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle hinzufügen.
An den Märkten ging es in dem noch kurzen Jahr bereits turbulent zu: Gold, Silber und Bitcoin haben steile Abstürze samt unvollständigen Erholungen hinter sich. Der traditionsreiche US-Leitindex Dow Jones ist erstmals in seiner Geschichte über 50.000 Punkte geklettert, der Wiener ATX hat ein neues Rekordhoch bei mehr als 5700 Punkten erreicht. Im Gegensatz dazu sind die großen Technologiewerte, die jahrelang fast im Alleingang die Börsen nach oben gezogen haben, mit einem Minus von sechs Prozent ins neue Jahr gestartet. Die Anleger schichten derzeit in ganz großem Stil um. Fürchten sie sich vor einem Platzen der KI-Blase? Und wo fließt das Geld hin?
Eine Flucht aus Technologie findet aber nur zum Teil statt, vielmehr spielt sich die Rotation auch innerhalb des Technologiesektors ab. Zu den besten wie den schlechtesten Aktien des laufenden Jahres zählen Technologiewerte. Ganz oben auf den Kurszetteln befinden sich Halbleiter-Ausrüster und Zulieferer wie Lam, ASML oder das österreichische Unternehmen AT&S. Ebenfalls stark zulegen konnten heuer Speicherchip-Hersteller wie Western Digital, Micron oder auch Samsung: Nach jahrelanger Seitwärtsbewegung ist die südkoreanische Aktie nun nach oben ausgebrochen. Die starken KI-Investitionen der Big-Tech-Unternehmen erfordern einen Ausbau der Halbleiterkapazitäten, und bei Speicherchips gibt es Engpässe, wie Nvidia-Chef Jensen Huang kürzlich gesagt hat.
Zu hohe Ausgaben?
Denn für den Ausbau von Rechenzentren und KI-Infrastruktur wird so viel Geld ausgegeben wie nie zuvor. Alphabet und Amazon haben vorige Woche ihre Anleger mit der Ankündigung erschreckt, dafür dreistellige Milliardenbeträge in die Hand nehmen zu wollen. Die Aktionäre sorgen sich, dass die KI-Investitionen noch viel Geld verschlingen werden, bevor sie sich rechnen. Den Zulieferern und Speicherchip-Herstellern kann das egal sein: Hauptsache, es wird investiert.
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Und so kommt es, dass die ganz großen Technologiewerte heuer ein wenig hinterherhinken. Regelrecht abverkauft werden hingegen Software-Aktien wie Oracle oder Intuit. Zum einen ziehen die Anleger derzeit Hardware vor, auch fürchten sie, dass die Künstliche Intelligenz diesen Firmen künftig Geschäft wegnehmen kann: Die KI-Firma Anthropic hat kürzlich ein Tool vorgestellt, das Softwarefirmen in vielen Bereichen Konkurrenz machen kann.
Auch Cybersecurity-Unternehmen wie Crowdstrike, Palo Alto oder Zscaler werden deswegen verkauft. Die Angst, dass Künstliche Intelligenz deren Dienstleistungen in absehbarer Zeit unnötig macht, ist allerdings unbegründet. Im Gegenteil: Auch Cyberkriminelle nutzen KI, was umso fortschrittlichere Sicherheitssoftware erfordert. Doch achten Anleger zunehmend auch auf Profitabilität und Bewertung, und viele Softwarefirmen sind hoch bewertet: etwa die Datenanalysefirma Palantir, die exzellente Geschäftszahlen vorgelegt hat, hochprofitabel ist und stark wächst. Die Aktie hat seit Jahresbeginn dennoch ein Fünftel verloren, weil sich die Anleger plötzlich an der exorbitant hohen Bewertung stoßen, die sie jahrelang nicht gestört hat.
Bester Dow-Wert: Caterpillar
Gefragt sind hingegen Energie- und Rohstofftitel, Industriewerte, Konsum- und Gesundheitsaktien – sowie erstmals seit langem wieder kleinere Unternehmen. Davon profitiert der auch industrielastige Wiener Leitindex ATX, der im Vorjahr nach 18 Jahren wieder ein Rekordhoch erreicht hat und heuer weitersteigt. Zu den stärksten Gewinnern zählen AT&S aus dem Halbleiterbereich, SBO aus dem Ölsektor und der Faserhersteller Lenzing. Bester Dow-Jones-Wert ist wie auch im Vorjahr die Aktie des Baumaschinenherstellers Caterpillar. Das Unternehmen stellt nicht nur Baumaschinen her, die von der boomenden Bergbaubranche nachgefragt werden, es produziert auch Generatoren für Rechenzentren und Architekturen, die Stromerzeugung und Kühlung in einem System vereinen.
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Der Dow Jones enthält zwar auch Technologiewerte wie Apple, Microsoft, Amazon und Nvidia, doch sind diese weniger stark gewichtet, sodass der Index leichter von anderen Werten nach oben gezogen werden kann, wenn die Tech-Aktien schwächeln. Neben Caterpillar sind das etwa der Ölkonzern Chevron, dessen Erdgas für KI-Rechenzentren verwendet wird, das Industriekonglomerat Honeywell – und der Einzelhändler Walmart.
Walmart ist billionenschwer
Der Konzern hat ebenfalls massiv in KI investiert, um seine Lieferketten zu optimieren und den Kunden personalisierte Angebote zu liefern. Kürzlich ist Walmart in den Club jener Unternehmen aufgestiegen, die an der Börse mit mehr als einer Billion Dollar bewertet sind. Unter diesen nunmehr 13 Firmen dominieren zwar weiterhin Technologieriesen wie Nvidia, Apple und Alphabet, doch wächst die Zahl der Nicht-Technologieunternehmen in dieser Liga. Zum Ölkonzern Saudi-Aramco und der von Warren Buffett gegründeten Investmentholding Berkshire Hathaway haben sich nun auch Walmart und der Pharmakonzern Eli Lilly gesellt.
Wie ergeht es Gold, Silber und Bitcoin in dieser Rotation? Gold und Silber zählen zu den Gewinnern. Silber ist – wie Kupfer – ein heißbegehrtes Industriemetall und derzeit knapp. Gold profitiert als sicherer Hafen und als Absicherung gegen einen schwachen Dollar. Letzteres ist ein wenig in den Hintergrund getreten angesichts der möglichen Dollar-Aufwertung unter dem künftigen Notenbank-Chef. Die jüngsten heftigen Korrekturen waren angesichts der parabolischen Höhenflüge davor eine gesunde Entwicklung. Bitcoin befindet sich hingegen in einem Bärenmarkt. Das knappe, dezentrale Geld wird derzeit von anderen Modethemen verdeckt. Doch solche Phasen hat es in der Vergangenheit auch schon gegeben, auf sie folgte stets eine Erholung.
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Streuen, streuen, streuen
Michel Saugné, Chief Investment Officer bei LFDE, rät zu einer Diversifikation außerhalb der USA, etwa in Japan, Europa und den Schwellenländern. Unter den Sektoren hält er den Gesundheits- und den Basiskonsumsektor für attraktiv. Und Rohstoffe würden ein strategisches Langfristthema bleiben. Die Experten von DJE halten den europäischen Industriesektor für attraktiv. Auch defensive Sektoren wie Telekommunikation oder Basiskonsumgüter seien gut für das Umfeld aufgestellt, ebenso wie Landwirtschaftsunternehmen. Als mögliche Beimischungen bleiben weiterhin Gold und Schwellenländer interessant.
Die Experten sehen aber auch Risiken für die Märkte darin, dass die geplanten Riesenbörsengänge von OpenAI, Anthropic und möglicherweise SpaceX die Liquiditätssituation im zweiten Halbjahr verschärfen könnten. Und sollte der designierte US-Notenbankchef Kevin Warsh tatsächlich eine straffe Geldpolitik fahren, würde das der Liquidität einen weiteren Dämpfer versetzen. Weniger Liquidität bedeutet weniger Geld, das in die Märkte fließen kann.